Finale Zukunftskonzepte

Menschen und soziale Systeme beschäftigen sich neben den Dingen (Entitäten) in ihren Denk- und Wahrnehmungswelten auch mit der Frage der Zusammenhänge zwischen diesen Dingen. Vor allem wenn etwas schlecht läuft ist diese Frage und damit die Kausalität meist Gegenstand intensiver Überlegungen. Welche wenig angenehmen Wirkungen und Nebenwirkungen die Kausalanalyse des Versagens (Nicht-Gelingens, Problems,...) hat, ist hinlänglich bekannt.

Dabei fokussiert die klassische Kausalanalyse vor dem Hintergrund der Zeitlinie immer Ereignisse der Gegenwart und sucht nach Ursachen in der Vergangenheit.

Der Potenzialfokus schiebt diese Analyse auf der Zeitlinie in Richtung Zukunft: Es werden Ereignisse des Gelingens in der näheren Zukunft möglichst konkret und detailliert beschrieben und ausgehend von diesem Zukunftspunkt wird erarbeitet, welche Ereignisse im jetzt bzw. auf dem zeitlichen Weg zum Gelingen diese besser funktionierende Zukunft dann ermöglicht haben werden. Der Zeitpfeil wird somit umgekehrt (Nadin) und die Ursache liegt dann in der Zukunft.

Dies entspricht exakt der Logik der Kausalität, die jedoch damit sowohl in die Zukunft als auch in Richtung von Potenzialen verschoben ist. Der Biologe Rupert Riedl hat dies in seinen konstruktivistischen Publikationen (z.B. im Sammelband von Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit) beschrieben.

Neuerdings gibt es immer mehr Konzepte, die argumentativ in dieselbe Richtung weisen, die wichtigsten, die im Potenzialfokus integriert sind, seien hier genannt:

  • Der "anticipation-approach" von Mihai Nadin am "Ante-Institute" der University of Texas betont das Alleinstellungsmerkmal des homo sapiens in der Evolution der Fähigkeit zur Antizipation von zukünftigen Zuständen. Forschungsarbeiten von der Molekularebene bis zu komplexen Systemen zeigen die überragende Bedeutung der Antizipation für sinnvollen Handeln und auch Überleben dieser Systeme auf. Ein Besuch der Seite des Instituts ist mehr als lohnend (http://www.anteinstitute.org)
  • In der Gehirnforschung beschäftigen sich Forschungsgruppen mit der Frage des "Future Brain". Sie gehen dabei der Frage nach welche Zentren des Gehirns sich mit der Voraussage der Zukunft beschäftigen. Allen voran sind hier die Arbeiten von Chandra Sripada von der University of Michigan interessant.
  • Auch die Positive Psychologie beschäftigt sich neuerdings immer intensiver mit der Fokussierung der Zukunft. Unter dem Begriff "Prospektion" arbeitet Martin Seligman mit einer Forschungsgruppe am Konzept des "homo prospectus" (siehe http://www.prospectivepsych.org/).
  • Die Linguistik beschäftigt sich neben vielen Feldern auch mit den Formen der Zeit. Die am wenigsten benutzte Zeitform ist das "Futur 2" auch als vollendete Zukunft bezeichnet. Diese Zeitform entspricht exakt dem finalen Denken und der an anderer Stelle beschriebenen "Potenzialentwicklungsschleife"

Insgesamt gesehen zeigen diese Ergebnisse auf, welche Potenziale im Menschen und in sozialen Systemen noch stecken können: Antizipation und die Vorhersage des Zukünftigen sind insgesamt schwach ausgeprägt, der Großteil des Handlungs- und Wahrnehmungsreperatoires ist auf die Gegenwart bzw. die Vergangenheit ausgerichtet. Daher ist die finale Sichtweise von Zukunft so vielversprechend für die Nutzung des Potenzials in unseren Gesellschaften und die Weiterentwicklung all dieser Forschungsarbeiten nicht nur spannend sondern wichtig. Dabei ist die Entwicklung von vielen neuen und alltagstauglichen Techniken wahrscheinlich erst am Anfang.

Der Potenzialfokus fügt diesem neuen Paradigma noch eine wichtige Dimension hinzu: die Dynamik und die Wechselwirkung von besser und schlechter. Nur wenn man bei der Konstruktion von Zukunft "vom Ende her" auch diesen Unterschied integriert, lassen sich Potenziale möglichst gut fördern.

 

 

Filmsteifen Potenzialfokus